Achtung, „Cloxit"-Gefahr

Was eine ganzjährige Sommerzeit für uns bedeuten würde

4,6 Millionen Deutsche haben bereits 2019 zum Thema Zeitumstellung abgestimmt. Und 84 Prozent sind dafür, diese abzuschaffen. Die Politik plädierte im Zuge dessen für eine ganzjährige Sommerzeit. Doch bis jetzt ist kein Vorschlag umgesetzt worden. Versäumnis oder vielleicht sogar Segen?

Welche Konsequenz hätte eine ewige Sommerzeit?

Ganz pragmatisch betrachtet: Unsere Uhren würden ganzjährig die Osteuropäische Zeit, OEZ, anzeigen, die eigentlich für die Ukraine oder Bulgarien gedacht ist. Dadurch aber drohen Nachteile, so der renommierte Münchner Chronobiologe Till Roenneberg.

Eine ganzjährige Sommerzeit wäre schlechter für:

  • Gesundheit
  • Leistungsfähigkeit
  • Kreativität

Die Rückkehr zur ganzjährigen Normalzeit dagegen hätte klare Vorteile und bliebe ohne vergleichbare negative Auswirkungen.

Klares Votum: Zeitumstellung weg, Sommerzeit nein

Experte Roenneberg freut sich über das Vorhaben zur Abschaffung der Zeitumstellung, nennt die Idee einer ganzjährigen Sommerzeit allerdings einen „Cloxit“. Wie beim Brexit würde die Gesellschaft hinterher ihr Votum bereuen. Erneut hätten die Bürger „über etwas abgestimmt, über dessen Folgen sie zuvor nicht ausreichend informiert worden sind.“

Doch was sind die Folgen?

Und was wäre aus Sicht der Chronobiologie die beste Lösung für Deutschland? Hier die fünf wichtigsten Antworten:

1. Wir können nur die Uhren verstellen, nicht die Zeit

Unsere Biologie erfasst die Tageszeit, indem sie das Sonnenlicht auswertet – unabhängig von der Jahreszeit. Stellen wir die Uhren um auf OEZ oder Sommerzeit, ohne zu verreisen, ist das letztlich nur die gesellschaftliche Übereinkunft, das soziale Leben eine Stunde nach vorne zu verlagern. Arbeit und Schule beginnen eine Stunde früher, wir stehen bis zu einer Stunde früher auf.

Doch was in Kiew Sinn macht, weil dort auch die Sonne eine Stunde vorauseilt, verstetigt hierzulande die Jetlag-ähnliche Situation und erhöht Gesundheitsrisiken. Eine biologische Anpassung an die geänderte Uhrzeit ist kaum möglich.

2. Sommerzeit raubt Schlaf

85 Prozent der Deutschen lassen sich werktags von einem Wecker wecken. Ihr Arbeits- oder Schulrhythmus läuft dem biologischen Rhythmus voraus. Sie müssten eigentlich länger schlafen und schlafen oft nur am Wochenende und in den Ferien aus. Früher zu Bett zu gehen, hilft nur selten, weil der Spiegel des Nachthormons Melatonin dann zu niedrig ist.

Das Leben in der Sommerzeit verschlimmert diese Situation, weil wir noch früher aufstehen und zu Bett gehen. Diese Fehlentwicklung nun auch auf die Wintermonate auszudehnen, wäre fatal. Roenneberg schätzt, der soziale Jetlag verstärke sich dadurch um 50 Prozent.

3. Menschen sind verschieden

Der optimale Einschlafzeitpunkt ist individuell verschieden. Gerade den Spättypen oder Eulen genannten Menschen, deren Biologie abends spät auf Nacht und morgens verzögert auf Tag umschaltet, schadet die Sommerzeit.

Selbst für die meisten Durchschnittstypen beginnt die Arbeit biologisch gesehen während der Sommerzeit zu früh. Deshalb warnen Chronobiologen: Eine überwiegende Mehrheit der Menschen passt aufgrund unveränderbarer genetischer Voraussetzungen und der hierzulande verbreiteten sozialen Taktung nicht zu ihr. Eine ganzjährige Normalzeit hätte hingegen für kaum jemanden gravierende Nachteile.

4. Die Jugend sollte ausschlafen

In Deutschland beginnt die Schule für die allermeisten Jugendlichen viel zu früh. Mit Einsetzen der Pubertät verschiebt sich die innere Rhythmik der Menschen. Sie werden für einige Jahre abends später müde und morgens sehr viel später wach. Schlafforscher und Chronobiologen fordern deshalb schon lange einen späteren Schulbeginn.

Eine ganzjährige Sommerzeit würde Deutschland in Bildungsfragen zurückwerfen: Das Unterrichten zunehmend unausgeschlafener Schüler zu einer Tageszeit, zu der sie noch gar nicht aufnahmefähig sind, wäre dabei noch nicht einmal das einzige Problem: In der ganzjährigen Sommerzeit würde es im Winter morgens extrem spät hell. Das Unfallrisiko auf dem Schulweg dürfte deutlich steigen.

5. Sommerzeit macht schlechte Stimmung

Eltern kennen das: Vor allem nach der Uhrenumstellung im Frühjahr sind Kinder abends zwar zunehmend aufgekratzt, weil immer unausgeschlafener, sie können aber dennoch nicht richtig einschlafen. Bei ihnen zeigt sich am deutlichsten, was ein Leben im falschen Rhythmus bedeutet.

Auf gesellschaftlicher Ebene dürfte der zunehmende chronische Schlafmangel infolge der ganzjährigen Sommerzeit zu mehr allgemeiner Reizbarkeit bis hin zu Depressionen oder depressiven Verstimmungen, vermehrten Suiziden, aber auch zu mehr Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes führen.

Zukunft Weltzeit?

Interessant ist vor diesem Hintergrund ein Zukunftsszenario: Was wäre, wenn man Zeitzonen einfach abschaffen würde und auf der ganzen Welt nur noch eine einzige einheitliche Uhrzeit gälte?

  • Flugpläne oder der Waren- und Datenaustausch wäre erleichtert.
  • Die Taktung sozialer Aktivitäten wäre von der Uhrzeit abgekoppelt.
  • Wir Menschen wären losgelöst vom Druck zum frühen Aufstehen oder morgendlichen Arbeiten und könnten viel besser als heute dem intuitiven Zeitgefühl und damit unserer angeborenen biologischen Rhythmik folgen.

Und die Faktenlage?

Neben der überwältigenden Zahl an Indizien aus der Grundlagenforschung gibt es mittlerweile auch erste epidemiologische Daten, die die hier geäußerten Thesen stützen. Bestätigen sich diese Resultate, dürfte das Erkrankungsrisiko in der Gesamtbevölkerung messbar steigen, wenn die Zeitzonen in Form einer dauerhaften Sommerzeit so verschoben werden, dass die Menschen früher zur Arbeit oder in die Schule gehen müssen.

Drei Beispiele:

  • Eine über sieben Jahre währende Auswertung der Schlafrhythmen und Gemütslage russischer Schulkinder zeigte, dass sie in den Jahren 2011 bis 2014, als in Russland die dauerhafte Sommerzeit galt, an verstärktem sozialem Jetlag litten. Das führte zu negativen Stimmungsschwankungen.
  • Eine Studie aus den USA ergab, dass dort das Risiko, an Krebs zu erkranken, vom östlichen Rand einer Zeitzone zum westlichen hin ansteigt. Parallel sinkt die Lebenserwartung. Eine mögliche Erklärung könnte der zunehmende chronische Schlafmangel infolge eines vergrößerten sozialen Jetlags sein.
  • Schon im Jahr 2006 wurde bekannt, dass Menschen umso häufiger an einer saisonalen Depression leiden, je weiter westlich sie in einer Zeitzone leben.

Surftipp

Spannendes Thema? Eine ausführliche Version dieses Artikels inklusive aller Quellen finden Sie hier:

bkk-gesundheit.de

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Veröffentlicht: 09.12.2021 - Aktualisiert: 30.06.2022